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Vor einigen Jahren erprobte ich zum ersten Mal in einer ersten Klasse das Konzept “Richtig Schreiben lernen von Anfang an”. Schon ganz früh
führte ich die Rechtschreibwerkstatt ein und vermittelte den Kindern an ihr die Ordnung der Rechtschreibung.
Die langsam lernenden Kinder profitierten von dem differenzierten Lernen: Es ließ ihnen Zeit, zunächst die Laut-Buchstaben-Zuordnung für sich zu erobern
und zu festigen. Sie bauten ein stabiles Fundament auf und selbst jene Kinder, die wir sonst als ”Legastheniker” abgestempelt hätten, lernten mit der Zeit, sicher und richtig zu schreiben.
Am meisten aber setzten mich die leistungsstarken Kinder in Erstaunen. Viele hatten mit großer Geschwindigkeit die ersten Zimmer der Rechtschreibwerkstatt
hinter sich gebracht. Und - sie stellten Fragen. Nicht die üblichen Fragen: “Wie schreibt man ...?”, sondern Fragen, die ich nie gestellt hatte, die mir nie in den Sinn gekommen waren: “Warum
machen wir die Wörter länger, wenn der Vokal kurz gesprochen wird?” Oder: “Warum schreiben wir nicht Katze mit zz, so wie bei Pizza?” Oder: “Warum schreiben wir Geländer; das hat doch nichts mit Land zu tun?”
Auf viele dieser Fragen wusste ich keine Antwort. Sie zeigten mir, wie wenig ich im Grunde von der Rechtschreibung wusste. Natürlich wollte ich auch
selbst eine Antwort haben. Ich vertröstete die Kinder und sagte: “Ich weiß es nicht. Aber wir können ja einmal eine E-Mail an Graf Ortho von der Rechtschreibwerkstatt schicken. Vielleicht wissen er oder seine
Prinzipienwächter eine Antwort.” Diese E-Mails verschafften mir dann einige Tage Luft, um selbst nachzuforschen und nach Lösungen zu suchen. Über diese E-Mails sind schließlich auch diese Seiten entstanden.
Heute weiß ich: Wenn Kinder eine Ordnung der Rechtschreibung im Kopf haben
und sie nicht als ein Sammelsurium von Besonderheiten und Ausnahmen erleben, dann bemerken sie auch Verstöße gegen ihre “innere Ordnung” - und dann stellen sie Fragen,
kluge Fragen, auf die wir Lehrer bisher nicht gekommen sind. Genau das, meine ich, sollte ein guter Unterricht leisten: Kinder dahin zu führen, selbst Fragen zu stellen und nicht unsere vorgefertigten und ausgedachten Fragen zu beantworten.
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