Warum schreiben wir ergiebig mit ie aber du gibst nur mit i. Beide Wörter werden doch auf geben zurückgeführt.
Heike, Klasse 5

PW Graf Ortho

Die Vokalwechsel bei den unregelmäßigen Verben sind ein wirklich schwieriges Thema, an dem sich schon viele die Zähne ausgebissen haben. Auch unser Herr Alt mag diese Wörter nicht so sehr, da die Erforschung des Vokalwechsels meist mit sehr viel Arbeit verbunden ist.

Zum Glück waren keine anderen Prinzipienwächter da, als Herr Alt sich mit der Antwort auf diese Frage beschäftigte. Sonst hätte es bestimmt noch eine lange Diskussion gegeben. Sicherlich wäre Herr Alt in seinen Ausführungen auch von Frau Kurz gebremst worden. Doch da Herr Alt ganz alleine war ist seine Antwort etwas länger ausgefallen. Ihr wisst ja: Herr Alt holt gerne etwas aus.

PW Herr Alt

„Bei dem Wort geben müssen wir sehr weit zurückgehen, um den Ursprung des i zu finden. Im gotischen hieß es *giban und bei den Angelsachsen *giefan. Wenn Frau Fremd jetzt hier wäre, dann würde sie uns darauf hinweisen, dass in Dänemark und in England unser Wort geben dort give heißt. Dort ist also das ursprüngliche i erhalten geblieben.“

 

(Wenn Ihr wissen wollt, wie die nordischen Sprachen zusammengehören, dann findet ihr hier eine Übersicht.)

 

Später wurde aus dem gotischen *giban im deutschsprachigen Raum geban (ahd.) und noch später geben (mhd.). In der Befehlsform (gib) und der 2./3. Person Singular (du gibst, er gibt) ist die alte Aussprache erhalten geblieben.

 

Warum? – Nun, das ist etwas kompliziert. Im deutschen Sprachgebiet hatten wir früher sehr unterschiedliche Mundarten und Dialekte. Viele Wörter wurden bis ins 19. Jhd. hinein in den verschiedenen Regionen auch unterschiedlich geschrieben. Im süddeutschen Sprachraum war gäbe und gäben vorherrschend. Weiter nach Norden dann geben und noch weiter im Norden sagte man gib und giban oder giben. Bei Martin Luther finden wir in seinen Schriften sowohl ich gebe als auch ich gib.

 

Bei diesem Wort gab es in der Schreibung und in der Aussprache ein ganz schönes Durcheinander und Hin und Her:

 

  • Bei Martin Luther (1483-1546), finden wir gibet und ich gebe oder auch ich gib.
  • Später finden wir bei Gottsched (1700-1766) giebst, giebt und
  • wiederum einige Jahre später bei Adelung (1732-1806) nur noch gibst, gibt.
  • Im Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm (1785-1863) finden wir (sinngemäß):
    „Die gebildete Sprache schwankt im Übergangsgebiet vom mitteldeutschen zum niederdeutschen zwischen giebt und gĭbt, giebst und gĭbst.
  • In der gehobenen Sprache wurde der Vokal [i:] lang gesprochen und ie geschrieben, in der einfachen Sprache dagegen kurz gesprochen und nur i geschrieben.
  • So zweigeteilt blieb es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Noch in der Erstausgabe des Duden (1880) ist zu lesen:
    „geben: du giebst, er giebt; du gabst; gieb! (auch: du gibst, er gibt; gib!)“.
  • Nach der Rechtschreibreform 1901 finden wir im Duden (1902) nur noch eine Variante:
    „geben; du gibst, er gibt; du gabst; gib!“

 

Ihr seht also:
In der Schreibung hat sich (nach langem Hin und Her) die allgemeine Aussprachevariante mit kurzem [i] durchgesetzt. Im Aussprachewörterbuch wird dagegen die „gehobene” Sprachvariante mit lang gesprochenem [i:] bevorzugt.

 

Und nun zum Wort ergiebig:

 

Das Wort entstand im 17./18. Jahrhundert in der Bedeutung: sich ergebend. Das Wort entwickelte sich also in einer Zeit, als in der gebildeten Sprache die Schreibung giebt üblich war. Dieses Wort machte den späteren Wandel zum kurz gesprochenen [i] nicht mit. Vielleicht gerade deshalb, weil dieses Wort nur in der gebildeten Sprache vorkam und vorkommt.

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  • Es gibt mehr als 650 Wortbildungen zum Grundwort geben. Die meisten Wortbildungen sind von dem Substantiv Gabe (Abgabe, Ausgabe usw.) abgeleitet. Die wichtigsten Wörter findest du auf der nächsten Seite.

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