PW Graf Ortho

Nun ist einige Zeit vergangen und meine Prinzipienwächter sind der Frage nachgegangen, warum wir Weg mit langem [e] und weg mit kurzem [e] sprechen.

Herr Alt war mit seiner Antwort schnell fertig. Für Frau Laut war es sehr viel aufwändiger. Und auch Herr Wort konnte zur Beantwortung der Frage nichts entscheidendes beitragen.

PW Herr Alt

Leider gibt es erst seit Ende des 19. Jhd. Sprachaufzeichnungen. Ich kann also nicht sagen, wann aus dem lang gesprochenen [e:] ein kurz gesprochener Vokal geworden ist.

PW Frau Laut

Ich habe inzwischen alle Sprachdatenbanken durchforscht. In den meisten Quellen wird das Adverb weg mit einem kurzen <e> [vɛk] gesprochen. In einigen Regionen spricht man  [vɛç] (mit einem hellen ch). Aber nirgendwo habe ich das Wort mit einem lang gesprochenes [e:] gefunden.

PW Herr Wort

Viele Funktionswörter werden anders geschrieben als sie gesprochen werden. Wir haben schon vor einigen Jahren einmal solche Wörter gesammelt. In dieser Sammlung kam auch das Adverb weg vor. Es gibt über zweihundert zusammengesetzte Verben mit dem Bestimmungswort weg. Vorsilben verhalten sich ähnlich wie Funktionswörter. In der Wörterliste der Funktionswörter findet ihr noch mehr Vorsilben, die nicht regelhaft geschrieben werden.“

PW Frau Kurz

Nun mal ganz kurz: Sie wissen es nicht!

PW Herr Alt

Nicht ganz! Wir wissen schon einiges. Allerdings können wir die Frage nicht mit Sicherheit beantworten. - Aber wir können aus der Schreibwentwicklung der Wörter erschließen, wie es zu der unterschiedlichen Aussprache dieser gleich geschriebenen Wörter gekommen ist..

PW Frau Kurz

Da bin ich aber gespannt!

PW Herr Alt

Also gut:

1.

Das Wort Weg wurde früher (um die Jahrtausendwende) regional unterschiedlich gesprochen: als [veːk] (mit langem <e>), [vek] (mit kurzem <e>) oder auch [veç] (mit hellem ch am Wortende).

2.

In den meisten Regionen wurde mit kurzem <e> gesprochen und wec (also mit c am Wortende) geschrieben.

3.

Die Mehrzahl (Plural) wurde mit mit langem <e> gesprochen und g geschrieben, also: wege. (Nomen wurden damals noch mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben.)

4.

Nachem der Buchdruck erfunden war (15. Jahrhundert) versuchten die Drucker den Wortstamm eines Wortes auch in den Ableitungen zu erhalten. Man nennt dies auch „Wortstammprinzip“

 

Damit änderte sich die Schreibung des Wortes in der Einzahl: der Weg - die Wege ...

 

... und in der Folgezeit gleichte sich auch die Aussprache an die geänderte Schreibung an. Nun wurde auch die Einzahl (so wie früher schon die Mehrzahl) mit langem <e> gesprochen.

5.

Eine solche Ausspracheänderung konnte es beim Adverb weg nicht geben, da es ja keine anders gesprochene Ableitungen (z. B. keinen Plural) gab. Hier blieb daher die Aussprache mit kurz gesprochenem <e> erhalten.

6.

Martin Luther haben wir es vermutlich zu verdanken, dass sich die Schreibung des Wortes wec änderte. Er verwerndete in seinen Schriften weg, und auch enweg.

 

Zitat Martin LutherAuf der nächsten Seite findest du zwei Beispiele aus Martin Luthers Texten..

Fazit:

Beim Adverb weg blieb die Aussprache mit kurzem <e> erhalten.

 

Beim Nomen Weg passte sich die Aussprache in der Einzahl an die Aussprache und Schreibung in der Mehrzahl an.

PW Graf Ortho

Ein anerkennendes murmeln meiner Prinzipienwächter zeigte, dass sie mit dieser Erklärung zufrieden waren. Und auch von Frau Kurz gab es keine Einwände mehr. Damit wäre für alle die Diskussion zu Ende gewesen, wenn nicht Herr Alt noch eine kleine Nachbemerkung gehabt hätte:

PW Herr Alt

Nun ja, diese Erklärung ist plausibel und die Ableitung aus der Schreibgeschichte ein indirekter Beweis. Es ist also sehr „wahrscheinlich“! .

PW Frau Kurz

„Wahrscheinlich“?! Also gewiss ist diese Erklärung gewiss nicht.

 

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