Lehrerseite

 

Copyright
N. Sommer-Stumpenhorst
2000-2010

letze Aktualisierung
17.08.2010
 

In der Dekodierung der Schriftzeichen, in der Laut-Buchstaben-Zuordnung, liegt für viele Kinder eine erste Hürde. Die deutsche Sprache besteht aus ca. 250 verschiedenen Lauten (ohne Dialektformen und ohne individuelle Sprachunterschiede). Diese vielen Laute werden durch nur 30 verschiedene Buchstaben abgebildet. Kinder müssen daher zunächst ein Zuordnungssystem entwickeln. Übungen zum Heraushören von Lauten im Wort und Laut-Buchstaben-Zuordnungsübungen helfen den Kindern, diese Hürde zu meistern.

Entwicklungsgeschichtlich hat das Lesezentrum erst seit ca. 6000 Jahren die Funktion der Kodierung und Dekodierung von Buchstaben übernommen. Wissenschaftler vermuten, dass dieses

siehe N. Birbaumer und R. F. Schmidt:
Biologische Psychologie,
Berlin-Heidelberg 1990, Seite 403 f.

Zentrum früher (bevor die Menschen schreiben lernten) für andere visuelle “Pars-pro-toto”-Erkennungen zuständig war, beispielsweise dem Spurenlesen. Die günstige Lage dieses Zentrums (zwischen visuellem Zentrum und Sprachzentrum) hat später wohl dazu geführt, dass dieser Gehirnbereich die Funktion der Laut-Buchstaben-Zuordnung übernommen hat. Dass diese Funktionsübernahme phylogentisch recht neu ist, ist von besonderer Bedeutung für das Lesen lernen. Der Leselernprozess ist kein “natürlicher” Reifungs- und Entwicklungsprozess (wie Motorik und Sprache), sondern eine zu lernende Kulturtechnik. Die Laut-Buchstaben-Zuordnung bedarf auf den unterschiedlichsten Ebenen ständiger Wiederholung und Festigung und zwar über die gesamte Grundschulzeit hinweg.

Ohne diese grundlegende Kompetenz können Kinder Wörter nur ganzheitlich als Symbole erfassen. Dies ist jedoch noch kein Lesen. Das Merken von “Wortbildern” und Symbolen findet nicht im “Lesezentrum” (siehe Abbildung S. 2) statt, sondern in der gegenüberliegenden Gehirnhälfte. Diese ist für die simultane (ganzheitliche) Verarbeitung von Informationen zuständig und nicht in der Lage, Zeichen- und Lautfolgen zu analysieren.

Wenn die sequentielle Verarbeitung von Informationen noch nicht voll entwickelt ist, kompensieren Kinder dies, indem sie ein inneres “Wortbildlexikon” aufbauen. Gerade im Anfang des Leselernprozesses ergeben sich bei einigen Kindern hieraus besondere Schwierigkeiten.

Für Interessierte: B. Kolb und I. Whishow: Fundamentals of human neuropsychology, New York 1995 und Sp. Springer und G. Deutsch: Left brain, right brain, New.York 1993


Zunächst gelingt es ihnen auf diese Weise, Wörter und ganze Texte zu lesen oder besser gesagt auswendig aufzusagen. Die insgesamt langsamere Entwicklung der Spezialisierung einer Gehirnhälfte auf die sequentielle Verarbeitung beim männlichen Gehirn könnte auch eine Bedingung dafür sein, dass Leseschwierigkeiten bei Jungen häufiger anzutreffen sind als bei Mädchen.

Ein nützliches Hilfsmittel, um neue, über die Fibelangebote hinausgehen- de Wörter zu erstellen, bietet das Pro- gramm “Colli GWS-Tool” (N. Sommer- Stumpenhorst: Colli-Vertrieb, Waren- dorf 1984-1997). Dies ist ein Hilfspro- gramm, das aus einem erweiterbaren Wortschatz Wörter nach verschiedenen Kriterien heraussuchen kann. Eine der vielfältigen Möglichkeiten besteht darin, beliebig viele Buchstaben vor- zugeben (z.B. alle bis zu diesem Zeit- punkt eingeführten Buchstaben). Das Programm sucht dann all jene Wörter heraus, die aus diesen Buchstaben zusammengesetzt sind und keine weiteren Buchstaben enthalten.

Auf dieser falschen Fährte verharren Kinder dann gelegentlich bis in die zweite Klasse hinein. Erst wenn die Lesetexte länger und in der Klasse nicht mehr vorgelesen und dadurch gemerkt werden können, versagen diese rezitativen ganzheitlichen Fähigkeiten. Zu diesem Zeitpunkt ist aber der Buchstabenlernprozess in der Klasse weitgehend abgeschlossen. Übungen zur Laut-Buchstaben-Zuordnung finden nicht mehr statt. Ohne differenzierte Übungen entwickeln sich dann recht schnell Leseschwierigkeiten. Kinder, die Einzellaute im Wort nicht sicher (d. h. automatisiert) heraushören können, brauchen daher verstärkte Übungen auf der Laut-Buchstaben-Ebene.

Den Aufbau eines inneren Wortbildlexikons und die damit verbundenen späteren Leseschwierigkeiten können bei einem fibelorientierten Lehrgang leicht vermieden werden, wenn die Kinder möglichst viele verschiedene Wörter zu lesen bekommen, die aus den bis dahin bekannten Buchstaben zusammengesetzt sind.

Zum Seitenanfang   Nächste Seite: Lesen - Grundkonzept