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N. Sommer-Stumpenhorst
2000-2010

letze Aktualisierung
17.08.2010
 

Das Zusammenziehen von Lauten ist die eigentliche “kritische Stelle” im Leselernprozess. Wie sich diese Kompetenz entwickelt, ist auch unter Wissenschaftlern noch weitgehend unbekannt.

Das eigentliche Problem besteht darin, dass bestimmte Laute gar nicht verbunden werden können (siehe die fehlende Verbindung vor und nach dem Plosivlaut <k> in der Abbildung).

Die Grafik ist entnommen aus: Fred Warnke: Was Hänschen nicht hört ... , VAK-Verlag 2001

Es ist nicht möglich, Plosiva mit anderen Lauten zu verbinden. Als Plosivlaute bezeichnen wir jene Laute, die keinen eigenen Klang erzeugen wie beispielsweise <b>, <d>, <g> <h>, und <p>, sowie Laute, die am Anfang hart gesprochen werden, wie beispielsweise  <k>, <t>. Ein Plosiv wird durch zwei Phasen gebildet: Einen Verschluss und dessen Lösung mit einem Plosivgeräusch (daher auch Verschlusslaut oder Sprenglaut). In bestimmten phonetischen Umfeldern kann der eine oder andere Teil fehlen. Dieser “Verschluss” bedingt die kurze Pause vor dem Laut. Daher können Plosiva nie mit dem vorhergehenden Laut verbunden werden.

In der Abbildung können Sie erkennen, dass beim Sprechen vor und nach dem Plosivlaut <k> eine Sprechlücke von jeweils 100 Millisekunden entsteht. Wir nehmen diese Lücke nicht mehr wahr, weil unser Gehirn diese Lücke als verbunden interpretiert. Für Kinder ist dies jedoch ganz anders. Im Leselernprozess versuchen sie, Laute miteinander zu verbinden, die gar nicht miteinander verbunden werden können. Sie suchen nach einer Lösung für ein Problem, das nicht zu lösen ist.

Das ist der Hintergrund für viele Leseschwierigkeiten, die insbesondere bei fibelorientierten Lehrgängen auftreten. Bei den meisten Fibeln werden beispielsweise die Buchstaben “t” und “k” schon sehr früh eingeführt, da sie für das Lesen “sinnvoller Texte” gebraucht werden. Und genau hierdurch entsteht das Problem. Die Kinder sollen Wörter mit Plosivlauten “erlesen”, also Laut für Laut “zusammenschleifen”. Das ist jedoch gar nicht möglich. Gerade weil Fibeln sehr früh schon nicht verbindbare Laute einführen, erweisen sie sich für den Leselernprozess als ein Lese-Lern-Verhinderungs-Instrument.

Hier hat Reichen recht, wenn er fordert, diese fibelorientierten Leseübungen besser zu unterlassen, als Kinder systematisch auf falsche Fährten zu locken. Lautsynthese ist keine zu erlernende Technik, sondern ein Denkgerüst. Das Gehirn muss Laute, die nicht zu verbinden sind, als verbunden interpretieren. Darin besteht der Trick der Lautsynthese. Und hier stimme ich Reichen nicht zu. Dies ist durchaus zu üben – und zwar in recht kurzer Zeit.

Kinder können, wenn sie in die Schule kommen, sprechen. Sie sind also in der Lage, Lautfolgen zu bilden, also Laute miteinander zu verbinden. Diese Aufgabe erledigt das sensorische Sprachzentrum (siehe hierzu die Abb. auf Seite 2). Diese bestehende Kompetenz muss nun erweitert werden. Dabei entsteht beim Lesen ein Problem. Das “Lesezentrum” (gyrus angularis) überträgt Schriftzeichen in Laute, liefert dem sensorischen Sprachzentrum also Einzellaute, aus dem nun ein Wort geformt werden muss. Das Gehirn muss nun lernen, dass nicht nur Wörter aus einer festen Lautfolge bestehen (Ausgangspunkt ist hier die Wortbedeutung), sondern auch einzelne Laute (Ausgangspunkt sind hier aneinander gereihte Schriftzeichen) zu diesem Klangergebnis geführt werden können.

Am leichtesten gelingt dies, wenn wir die Kinder zunächst Wörter lesen lassen, die aus Vokalen und Dauerkonsonanten (also selbst klingenden Konsonanten) zusammengesetzt sind. Diese Laute können fließende Übergänge bilden, da der Klang des Lautes (Vokale und Dauerkonsonanten) angehalten werden kann. An solchen Wörtern kann das Kind (sein Gehirn) lernen, dass der Übergang von einem Laut zum nächsten beim Lesen zum gleichen Ergebnis führt wie beim Sprechen.

Die Aufgabe, die wir den Kindern stellen, ist folgende:

  • Wir decken das Wort bis auf die ersten beiden Buchstaben mit dem Lesepfeil ab. Das Kind spricht die dazugehörenden Laute (Beispiel: Bei dem Wort “lesen” decken wir nur “le” auf.
  • Das Kind spricht die dazugehörenden Laute (<l> <e>) und hält den Klang des letzten Lautes an, bis der nächste Buchstabe (<s>) aufgedeckt wird. Nun spricht es den nächsten Laut.
  • Wichtig ist, dass das Kind den Lesepfeil selbst führt. So unterstützt die fließende Bewegung der Hand auch den fließenden Übergang von Laut zu Laut.
  • Nachdem das Kind Laut für Laut ein Wort erlesen hat sollte es anschließend immer das Wort noch einmal als ganzes (in normaler Sprache) wiederholen. Nur so werden dem gelesenen Wort auch Bedeutungen beigeordnet, das Lesen also immer zugleich auch auf die Sinnentnahme gelenkt. Wird dieser wichtige Schritt übergangen, perfektionieren die Kinder häufig nur eine Lesetechnik und lesen später, ohne zu wissen, was sie gerade gelesen haben.

Anhand der verbindbaren Laute lernt das Gehirn des Kindes, was es beim Lesen tun soll. Damit wird es in die Lage versetzt, auch bei anderen (nicht verbindbaren Lauten) so zu tun, als ob sie verbunden wären. Und genau darin besteht die Kunst der Lautsynthese.

Ich habe einen Wortschatz von ca. 15000 Wörtern nach solchen Wörtern durchsucht, die nur aus Vokalen, Diphthongen und Dauerkonsonanten bestehen. Lediglich 250 brauchbare Wörter (Grundformen) blieben hierbei übrig und nur rund hundert können wir zum Gebrauchswortschatz eines Grundschulkindes zählen. Die Lesewörter enthalten drei verschiedene Wörtergruppen, mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden:

1. Einfache Laut-Buchstaben-Folgen (Dauerkonsonanten, Vokale)

  • Esel, Faser, lesen, lila, Lineal, Lisa, losen, Löwe, malen, Mama, Melone, Möwe, Name, Nase, Ofen, Oma, Rasen, rosa, Rose, Rosine, rufen, Salami, Sofa, Ufer, Wal, Ware

2. Diphthonge (au, ei, eu)

  • Ameise, Eiche, eilen, Eimer, Eisen, Eule, Fach, faul, fein, Fisch, lachen, laufen, Laune, Laus, Leine, leise, Loch, Maurer, Maus, Meise, neun, raufen, Raum, reich, Reifen, reisen

3. Laute, die durch Buchstabenfolgen abgebildet werden (ch, sch) und Konsonantenfolgen

  • Schaf, Schale, Schere, schön, Schule, Seife, Seil, suchen, Wäsche, weich, weinen, Woche, Amsel, einsam, fern, Film, flach, Fleisch, Fluch, fluchen, Flur, frech, frisch, Frisur, Frosch, fünf, Insel, lächeln, Lärm, lernen, Linse, Masern, Mauer, Mensch, Milch, normal, scharf, Schilf, Schirm, Schlaf, schlau, schmal, Schnur, Schrei, schwer, warm, werfen, Wolf, Würfel, Wurm, Wurst, Zeit

 

Üben Kinder mit diesem Wortmaterial das Zusammenschleifen von Lauten, so gelingt ihnen dies oftmals schon nach wenigen Übungsstunden. Der geringe Zeitaufwand, der für die Lautsynthese hierbei verwendet wird, lässt es vertretbar erscheinen, für begrenzte Zeit einigen Kindern ein isoliertes Training anzubieten. Nicht alles lässt sich immer nur aus dem Zusammenhang heraus lernen. Zumindest geht einiges mit gezielten Übungen schneller und leichter.

Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, diese Lesewörter auf Pappe zu kopieren und in Wörterkarten zu zerschneiden. Auf diese Weise können die gleichen Wörter immer wieder in anderen Folgen gelesen werden. Die Kinder haben dann nicht die Möglichkeit, sich anhand der Stellung des Wortes (z. B. oben links auf der Seite) das Wort zu merken, also “Wortbilder” zu reproduzieren. Diese Übung kann auch am Computer durchgeführt werden. Der Computer deckt das Wort lautweise auf (per Tastendruck oder automatisch) und ersetzt damit den Lesepfeil. Durch die Veränderung der Darbietungsgeschwindigkeit und die Überleitung zur wortweisen kurzzeitigen Darbietung kann dann das Lesetempo kontinuierlich verbessert werden.

Erst wenn Kindern mit Schwierigkeiten beim Erlernen der Lautsynthese das flüssige Lesen von Wörtern mit Vokalen und Dauerkonsonanten gelingt, können ihnen auch andere Wörter angeboten werden.

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