Lehrerseite

 

Copyright
N. Sommer-Stumpenhorst
2000-2010

letze Aktualisierung
17.08.2010
 

a) Flüssiges Lesen ist nur still möglich

Wenn Kinder beginnen, Wörter zu erlesen, so sprechen sie dabei meist laut mit. Sie brauchen die akustische Rückmeldung, um die Richtigkeit ihres Lesens zu erfahren. Mit zunehmender Kompetenz geben sie in der Regel das laute Mitsprechen beim Lesen von selbst auf. Das hat seine guten Gründe: Flüssiges Lesen ist nur still möglich. Es gibt verschiedene Argumente, warum Leseübungen immer nur still (leise) erfolgen sollten.

1. Die Steuerung der Artikulationsorgane ist ein sehr komplexer und zeitaufwendiger Prozess, der das Gehirn in viel stärkerem Maße belastet als das stille Lesen. Dies ist am Aktivitätsverteilungsmuster deutlich zu erkennen (siehe die nebenstehende Abbildung). Die Computeraufnahme der Versuchsperson, dessen Gehirn in der linken Abbildung gezeigt wird, liest still, während auf der rechten Seite eine Aufnahme einer laut lesenden Versuchsperson zu sehen ist. Die Zentren, die mit der Steuerung der Artikulationsorgane beschäftigt sind und das “Lesezentrum” (Laut-Buchstaben- Zuordnung) benötigen beim lauten Lesen viel mehr Energie als beim stillen Lesen. Deutlich zu erkennen ist, dass dies zu Lasten der Sinnentnahme (frontaler Bereich) geht.

 

Quelle:
A. L. Niels, H. I. David, E. Skinhoj: Hirnfunktion und Hirndurchblutung;
in: Gehirn und Nervensystem, Heidelberg 1983

Beide Aufnahmen stammen von erwachsenen Versuchspersonen, die gut lesen können, die Lesetechnik also schon automatisiert haben. Es ist leicht einzusehen, dass das kindliche Gehirn mit der Doppelbelastung (laut lesen und Sinnentnahme) weitgehend überfordert ist.

Den Effekt auf die Sinnentnahme können Sie selbst schnell nachprüfen. Lassen Sie einen Bekannten einmal etwas still lesen und fragen Sie ihn anschließend nach dem Inhalt. Nun lassen Sie ihn einen anderen Text laut lesen. Er wird sich an wesentlich weniger Details des Gelesenen erinnern.

2. Die Motorik ist, im Vergleich zu anderen neuronalen Prozessen außerordentlich langsam. Wenn also die Artikulationsorgane beim Lesen mitbewegt werden müssen, so verläuft der Leseprozess viel langsamer. Dies ist im übrigen der Trick der “Schnellleser”. Je besser es gelingt, die Artikulation (das Mitsprechen) beim Lesen auszuschalten, desto schneller können wir lesen.

3. Das stille Lesen ist darüber hinaus besonders für Kinder mit Leseschwierigkeiten wichtig. Lassen Sie Kinder mit Leseschwierigkeiten laut lesen, so wirkt das Hören des eigenen “Gestotters” negativ zurück. Sie bekommen immer wieder “vor Ohren gehalten”, dass sie etwas nicht können. Dies baut Schritt für Schritt jegliche Lesemotivation ab.

Lassen Sie daher Kinder nur dann etwas laut lesen (siehe Vortragen), wenn sie den Text kennen und lesen können. Vor allen Dingen: Lassen Sie niemals Kinder mit Leseschwierigkeiten laut lesen und schon gar nicht in der Klasse laut vorlesen. Dies führt nur zur Entmutigung und festigt die Stigmatisierung.

Unsere Augen und unser Geist arbeiten um ein Vielfaches schneller als unsere Sprechwerkzeuge (Stimmbänder, Zunge, Lippen). Solange wir beim Lesen mitsprechen, bestimmen die langsamen Sprechwerkzeuge das Lesetempo. Durch stilles Lesen wird die Lesegeschwindigkeit erhöht. Leseübungen sind daher immer auch “Stilleübungen”.

b) Wortbausteine und Sinnerwartung

Lesen ist auf Sinnentnahme ausgerichtet. Die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten sind die Wörter und nicht die Buchstaben. Flüssiges Lesen wird dadurch erreicht, dass die Wörter als Ganzes erfasst und nicht buchstabenweise erschlossen werden. Indem wir viel lesen, bilden wir implizite “Wortbildmuster”. Zunächst sind es wahrscheinliche (häufig vorkommende) Buchstabenfolgen, später ganze Wörter. Dabei steuert die Sinnerwartung das Lesen. Das Wort “Bau”, schnell gelesen, kann Verschiedenes bedeuten. Wenn im Text von Kühen und Schweinen die Rede ist, werden wir es sofort als “Bauernhof” identifizieren. Kommen im Text Bagger und Kräne vor, so “lesen” wir “Baustelle”. Es sind also nicht die “Wortbildmuster” allein, sondern die Sinnerwartung, die den Mustern eine Bedeutung verleiht. Andererseits: Um “Bauernhof” oder “Baustelle” zu erkennen, müssen wir diese Wörter kennen, schon einmal gelesen haben.

c) Übungen zur Steigerung des Lesetempos

Wenn wir ein Gespür für wahrscheinliche Buchstabenfolgen haben und bekannte Wortbilder wiedererkennen, können wir Texte schneller lesen und zugleich besser verstehen (mehr behalten). Vier Übungen haben sich zur Steigerung der Lesegeschwindigkeit bewährt:

1. Wiedererkennen häufig vorkommender Buchstabenfolgen

2. Wie geht das Wort weiter?

3. Blitzleseübungen

4. Wie geht der Satz weiter?

Zum Seitenanfang   Nächste Seite: Lesen - Grundkonzept